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Das natürliche MamaGen?

„Lassen Sie uns bei den Kindern anfangen, um diese gänzlich verwirrte Welt langsam wieder ins Lot zu bringen. Die Kinder werden den Erwachsenen den Weg zeigen.“

Jella Lepmann (1891-1970), dt. Journalistin, Autorin & Übersetzerin

 

Ich finde dieses Zitat sehr überzeugend und absolut stimmig. Ich würde hier nur gerne auch ergänzen: „Lassen Sie uns neben den Kindern nicht die Mütter (und Väter) vergessen, die aufgrund ihrer eigenen inneren Verletzungen daran gehindert werden, ihren Kindern heute in der Art und Weise zu begegnen, wie sie es eigentlich gerne möchten.“

 

Ich bin überzeugt, dass wir uns dringend um die jetzige Mütter- und Vätergeneration kümmern müssen, um sie dabei zu unterstützen, dass sie sich um ihre Kinder so kümmern können, wie sie es sich als Kinder selbst gewünscht hätten – zugewandt, wertschätzend und liebevoll – um den selbst erlebten "Fehler" nicht immer weiter von einer Generation auf die nächstfolgende zu übertragen. Das wäre für mich ideal und in meinen Augen nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch auf höherer Ebene, gesamtgesellschaftlich gesehen, ein unermesslicher Zugewinn für uns alle. Um mich so um meine eigenen Kinder kümmern zu können, muss ich mich zunächst einmal um mich selbst kümmern.

 

Für das Gelingen einer möglichst gesunden Kindheit wird in meiner Wahrnehmung bereits recht viel getan. Das Bewusstsein hat sich durch großartige Menschen wie Jesper Juul, Dr. Gerald Hüther, Susanne Mierau, Nora Imlau, Dr. Herbert Renz-Polster uvm. schon um einiges gewandelt (wenngleich auch an dieser „Front“ noch immer viel zu tun ist).

 

Was mir unsäglich fehlt, ist die Unterstützung & Aufklärung von Müttern. Mütter so wie ich eine war. Hilflos, aufgeschmissen, völlig überfordert von ihrem eigenen inneren Gefühlschaos, mehr traurig als glücklich, teilweise völlig verzweifelt, und vor allem: allein. Scheinbar weit und breit niemand, dem es ähnlich geht. Wieso auch, es haben doch alle die genetisch optimale Veranlagung durch das MutterGen?! Und Väter machen halt einfach mal drauf los. Jeder Spaziergang alleine mit Kind/ern wird als „guter Papa“ und toller Unterstützer seiner Frau schon abgefeiert. Und wenn er dann sogar noch im Haushalt „hilft“… Bitte seht mir die Überspitzung nach, ich möchte wirklich niemandem zu Unrecht auf die Füße treten und ich weiß, dass es sehr viele tolle Väter gibt, die sich sehr wohl intensiv mit all diesen Themen befassen und engagieren. Mein Fokus ist hier einfach stark durch die eigene Erfahrung und meine persönliche Brille auf die Mamas am Limit gerichtet.

 

Wie (durch meine Brille) unfassbar allein viele Frauen bei der „MütterWerdung“ gelassen werden, schockiert mich immer wieder. Und wie normal es anscheinend ist, dass Mama das schon irgendwie von selbst hinbekommt. Es ist ja schließlich nur eine Phase!

 

Wieder auf dieses Thema gestoßen haben mich die Lernmaterialien meines Mannes für den Angelschein. Ja, richtig gelesen. Dieser nicht unbeachtliche Packen Papier ist mit unzähligen Informationen rund um die (zumeist heimische) Flora & Fauna in und um Gewässer gespickt – die zum Erhalt eines Angelscheins abgefragt und geprüft werden. Dieser Angelschein ermöglicht es dann, Fische zu fangen und zu töten, ohne dabei eine Strafe wegen Tierquälerei oder Fischwilderei fürchten zu müssen (in Ba-Wü ist das Angeln ohne Angelschein übrigens ein Straftatbestand, der mit bis zu 5.000 € geahndet wird – noch ein Schnäppchen im Vergleich zu anderen Bundesländern).

 

Als ich vor 6,5 Jahren zum ersten Mal Mutter wurde, war das, was die meisten um mich herum taten, ein Geburtsvorbereitungskurs. Ich wollte damals nicht einmal daran teilnehmen. Mich schreckte die Vorstellung all dieser in freudiger Erwartung glückselig strahlenden Mamagesichter. (Vielleicht bereits ein erster Hinweis auf ein nicht ganz entspanntes Erleben der Morphose von Frau zu Mutter?) Im Krankenhaus selbst mussten mein Mann und ich für die Entlassung lediglich vorweisen, eine Babyschale für den sicheren Transport im Auto dabei zu haben. Und dann ein fröhliches „Auf Wiedersehen & alles Gute für Sie!“ und zack – da stand ich und war ab nun Mama und verantwortlich für ein Kind. Uff. Diese Verantwortung wog soooo schwer und ich hatte keine Ahnung, wie ich sie jemals ausfüllen sollte…

 

Worauf ich hinaus will: wir haben in Deutschland offensichtlich ein Faible für Ausweise, Diplome und Zertifikate mit (zu Recht) teils hohen Anforderungen. Wir machen im Laufe unseres Lebens oft zig Prüfungen, in denen unser Wissen abgefragt wird. Aber es bedarf einer strengeren Überprüfung, ob ich eine Bach- von einer Regenbogenforelle unterscheiden kann, als was ich als werdende Eltern rund ums Thema Kind weiß?! Beim Elternwerden lässt man einfach mal machen, wird schon werden! Keiner begutachtet die Fähigkeit oder Reife zur Erziehungsberechtigung. Eltern werden kann man ganz ohne staatliches Prüfsiegel, ein kurzer unachtsamer Moment im geschlechtsfähigen Alter reicht und schon hat zumindest frau bestanden. Yay!

 

An dieser Stelle gleich mal ein fettes NEIN, ich bin NICHT für einen Elternführerschein. Und es wäre allein ethisch in keinster Weise vertretbar, wenn äußere Instanzen darüber entscheiden könnten, wer Eltern werden darf und wer nicht. Aber etwas mehr breitgefächerte Aufklärung müsste schon möglich sein, oder nicht? Oder ist es wichtiger das Wissen zu zertifizieren, wann Saibling und Hecht laichen, als das Wissen zu fördern, wann Kinder welche Bedürfnisse haben und wie ich diesen in angemessener Art und in guter Weise begegnen kann?

 

Die Frage, die sich dann jedoch auch stellt: wie wäre das besser zu lösen? Verpflichtende Kurse und das Abfragen von Wissen sind sicherlich keine Lösung. Nun ist es aber seit geraumer Zeit bereits schon so, dass wir zumindest in unseren westlichen Kulturen nicht mehr in großen Familienverbünden oder Dorfgemeinschaften aufwachsen und so bereits als jüngere Menschen automatisch am „natürlichen Kreislauf“ des Lebens hautnah teilhaben. Viele frisch gebackene Eltern haben ein Baby (Kleinkind) bis zur Geburt und dem Heranwachsen des eigenen Kindes noch nie hautnah erlebt und haben keine bis sehr wenig Vorstellung davon, wie das Leben mit diesen zarten Seelen aussehen kann. Irgendwie scheint es (in meiner Wahrnehmung zumindest) eine Art Codex zu geben, dass nicht viel über die Tücken und Schwierigkeiten, besonders der ersten Zeit aber auch später, aufgeklärt gar überhaupt ehrlich geredet wird. Es scheint, als schlittern alle im ersten Glückshormonrausch wie von selbst ganz natürlich in ihre Elternrolle hinein - oder zumindest versuchen sich viele nach Außen hin diesen Anschein zu geben. Ich muss allerdings sagen, wenn ich mich so umsehe und auch was ich jetzt durch meine Arbeit so oft mitbekomme: das stimmt leider so nicht.

 

Ein sehr guter Freund von mir hat vor knapp 2 Jahren ein Pflegekind aufgenommen (kleine Randnotiz: ich bin übrigens von ganzem Herzen unheimlich stolz auf ihn (und seine Frau!) und seine großartige Entscheidung, einem Kind ein Zuhause zu geben, was bis dahin nie wirklich eines hatte). Das Jugendamt hat alles abgeklopft: wie hoch das Einkommen ist, wie die Wohnsituation ist, viele Gespräche und Vorbereitungskurse (bspw. was kann/braucht ein Kind in welchem Alter) mussten geführt werden usw. und die werdenden Pflegeeltern wurden auf Herz und Nieren auf ihre Befähigung hin überprüft. Ich finde das Ansinnen dahinter absolut richtig, ein Kind nicht leichtfertig und in möglichst optimale Hände zu übergeben. In starkem Kontrast steht für mich da allerdings, dass für alle anderen, die zufälligerweise ohne weiteres einfach mal so schwanger werden, keine weitere Vorbereitung und Aufklärung stattfindet (abgesehen von den regelmäßigen Frauenarzt-Terminen und dem möglichen Besuch eines Geburtsvorbereitungskurses sowie dem, was man vor allem eigeninitiativ in Erfahrung bringt). Mensch ist sich da weitestgehend sich selbst überlassen, wie an diese „Sache“ heranzugehen ist.

 

Sehe ich das vielleicht zu eindimensional? Aber eine offene und ehrliche Aufklärung, um einfach das Bewusstsein in diese Richtung stärker zu öffnen, müsste doch möglich sein? Mir ist bewusst, dass auch bei der größten und intensivsten Aufklärungskampagne immer welche hinten runter fallen und etwas nicht mitbekommen, aber mir scheint, wir sollten uns dringend von unserem Bild der genetisch angelegten und sich ganz natürlich und einfach entwickelnden „SuperMutter“ verabschieden…

 

Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich das aus meiner sehr persönliche Warte so sehe und erhebe hier keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Es ist jedoch schon ein Thema, welches mich sehr umtreibt und für mich so einige Fragen aufwirft...

 

Alles Liebe,

deine Kathrin

 

 

Mich würde wirklich sehr eure Meinung dazu interessieren, also schreibt mir gerne in die Kommentare!!

 

 

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