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Mein kleines großes Mädchen...

...nun bist du ein Schulkind.

 

Heute morgen habe ich dich zu deinem ersten Schultag in die Schule gebracht. Du warst so aufgeregt, dass du schon um 4.48 Uhr wach geworden bist und nicht wieder einschlafen konntest. Etwas verloren stehst du nun zwischen den anderen neuen Kindern deiner Klasse auf dem Vorhof der Schule. Dein Blick schweift unsicher und suchend umher, deine Freundin ist noch nicht da. Du hattest dir so gewünscht, dass du nicht allein als Erste da sein wirst. Allein mit all dem Neuen und Unbekannten, sondern wenigstens mit ihr zusammen, zu zweit... Der Schulranzen wirkt viel zu groß für dich und deine zarten Schultern. Schließlich winkst du mir noch einmal zu und gehst mit den anderen Kindern und deiner Lehrerin hinein in das Schulgebäude, in deinen neuen Klassenraum. Ich sehe dir nach und bin so unendlich stolz auf dich.

 

Als ich im Auto sitze und nach Hause fahre, merke ich, wie Tränen in mir aufsteigen. Im selben Augenblick, wie die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fällt, fange ich an zu weinen. Ich lege mich in dein Bett und weine, weine, weine. Ich fühle mich, als hätte ich dich verloren. Ich weine um all die Zeit mit dir, die ich verloren habe, weil ich sie nicht mit dir verbracht, nicht genutzt, nicht genossen habe, als du noch kleiner warst. Die Zeit, die du gerne mit mir verbringen wolltest. Heute bist du einen riesengroßen Schritt raus in dein eigenes Leben gegangen. Und in nicht allzu ferner Zeit werde es nicht mehr ich sein, mit der du deine Zeit am liebsten verbringen möchtest, bin ich nicht mehr der Nabel deiner Welt.

 

 

Als du noch in den Kindergarten gingst, habe ich die Freiheit nahezu nie genutzt, dich (sowie deinen kleinen Bruder) auch mal einen Tag Zuhause zu lassen. Ich habe mich hinter meiner Arbeit versteckt und hinter all den anderen 1000 Aufgaben und Dingen, die ja auch so wichtig sind und erledigt werden müssen. Immer wieder hast du dir Pausentage mit mir gewünscht. Immer wieder habe ich gesagt, heute geht es nicht. Ich sagte mir, da sei noch so viel Zeit irgendwann anders. Heute merke ich so deutlich, dass diese Zeit unwiederbringlich vorbei ist.

 

Pausentage mit dir sind von nun an nicht mehr ohne weiteres einzurichten, die Schulpflicht nimmt dir und mir das nun ab. Ich weine um die Zeit mit dir, so viel Zeit, in der es mir mental oft so schlecht ging, dass ich es einfach nicht schaffte, dich Zuhause bei mir zu lassen, weil es mir zu anstrengend erschien. Ich hatte immer das Gefühl, das schaffe ich nicht, ich brauche die Zeit ohne dich bzw. euch, um mich etwas zu erholen, damit ich die Nachmittage schaffe...

 

Zu anstrengend = ich bin zu anstrengend bzw. ich bin zu viel – Glaubenssätze, die tief und schmerzhaft in mir verankert sind. Bei meiner Mutter hatte (und habe) ich so oft das Gefühl, dass ich zu anstrengend bzw. zu viel war/bin. Ich hoffe sehr, dass ich dir nicht das gleiche Gefühl vermittle. Ich hoffe sehr, dass du weißt, dass nicht du zu anstrengend bist, sondern die Umstände für mich zu anstrengend waren und auch immer wieder noch sind. Nicht du bist zu viel, mir wird und ist es leider oft (zu) schnell zu viel.

 

An deinem ersten Geburtstag habe ich mir fest vorgenommen, an deinem zweiten Geburtstag ist alles gut. Daraus wurde der dritte, der vierte usw. Heute bist du seit 17 Tagen sieben Jahre alt. Und auch wenn ich schon sehr viel geschafft habe, so vieles in meinem Inneren bereits entdeckt, verstanden und „aufgeräumt“ habe, so tut es mir heute einfach unfassbar leid, dass ich nicht schneller war/bin, um es schon viel früher "zu schaffen". Heute spüre ich eine riesengroße Angst in mir, dass du mir schneller entgleiten wirst, als ich mich „in den Griff kriege“, dass du schneller groß wirst, als ich die Mutter sein kann, die ich so gerne für dich sein möchte. Und ich „durch meinen Zustand“ so viel Zeit mit dir für immer verloren habe. Zeit, die ich lieber mit dir verbracht hätte. Und auch so viel Zeit, die ich gerne ganz anders, friedvoller und glücklicher, mit dir verbracht hätte.

 

Dieses „genieß es, sie werden so schnell groß!“ (oder so ähnlich) wird einem ja so oft gesagt. Und doch… don't it always seem to go that you don't know what you've got 'til it's gone. Das scheint mir heute eine ganz besonders bittere Wahrheit zu sein.

 

Ich hoffe sehr, meine wundervolle Tochter, du weißt tief in dir drin, wie sehr ich dich liebe und dass du alles für mich bist.

 

 

* Textzeile aus dem Lied "Big Yellow Taxi" von Joni Mitchell

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