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Ungeliebte Tochter

 

Dass, wann immer man einen neuen Menschen kennenlernt, immer zuallererst auslotet: wie muss ich sein, um geliebt zu werden? Und irgendwann erschöpft aufgibt, weil man einfach keine tiefe Verbindung zu irgendjemandem erreicht, da man in sich selbst nicht verortet ist.“

 

BÄM! Ein Satz, der mich trifft wie ein Hammerschlag. Denn genauso empfinde ich es für mich. Ich konnte es bislang nur nicht in Worte fassen, es war mir noch nicht einmal wirklich bewusst. Ich lese diesen Satz in einem Kommentar unter einem Artikel über narzisstische Mütter und die Folgen für ihre Töchter von Dami Charf.

 

Narzisstische Mütter – dieses Thema hat mich in seinen Bann gezogen. In den vergangenen Jahren bin ich immer wieder darauf gestoßen, habe es aber für mich und mein eigenes Erleben nie wirklich in Erwägung gezogen. Das, was ich darüber fand und las, konnte ich nie auf mich und meine Erfahrungen mit meiner Mutter beziehen.

 

Derzeit bin ich aufgrund verschiedener Vorkommnisse in der letzten Zeit wieder auf der Suche. Ich durchforste das Internet nach Töchtern, die sich von ihrer Mutter nicht geliebt fühlen und lese (fast) alles, was ich finde. Nahezu zwangsläufig lande ich dabei beim Thema Narzissmus, genauer: der narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS). Und wieder: Ich erkenne meine Mutter in der klassischen Beschreibung von Narzissmus (ICD-10 unter der Rubrik Sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen F 60.8) nicht. Auch die sonstigen Beschreibungen „wie Narzissten sind“, lösen in mir kein Wiedererkennen aus: so endgültig boshaft, kalt, herz- und lieblos. In mir ist wie ein Widerstand, etwas, was das ablehnen möchte, möglicherweise vielleicht sogar muss: nein, so schlimm war das nicht, das kann nicht sein, so war und ist sie nicht. Paradoxerweise ist es unendlich schwer für mich, allein den Gedanken, dass meine Mutter mich vielleicht nicht liebt, überhaupt zuzulassen – auch wenn ich mich als Kind immer ungeliebt gefühlt habe und auch heute, als Erwachsene, immer noch fühle. „Es kann doch nicht an meiner Mutter liegen, es muss an mir etwas falsch sein, warum sonst sollte sie mich nicht lieben können?“, denkt mein inneres Kind. „Meine Mutter muss mich doch lieben, ich bin doch ihr Kind, oder? Ich muss mich einfach nur mehr anstrengen, noch besser, noch „richtiger“ werden, damit sie mich endlich liebt…“

 

Als ich dagegen auf Beschreibungen stoße, was diese Störung in der Mutter-Kind-Beziehung bei den Töchtern narzisstischer Mütter ausgelöst hat, finde ich mich. Es erschreckt mich zutiefst, was ich da lese, gleichzeitig ist es auf eine gewisse Weise auch sehr erleichternd. Ich erkenne mich wieder.

 

Ob meine Mutter eine sogenannte NPS hat oder nicht – ich weiß es nicht, das kann ich nicht diagnostizieren und ich möchte es auch nicht einfach mal so behaupten. Für mich ist das auch gar nicht entscheidend. Viel wichtiger ist es für mich, mir selbst mehr auf die Spur zu kommen, mich besser verstehen zu können. Warum ist die Beziehung zu meiner Mutter so unendlich schwierig für mich? Warum bin ich in ihrer Nähe bzw. überhaupt im Kontakt mit ihr dermaßen angespannt und verkrampft, fühle mich innerlich wie erstarrt, wie gelähmt? Warum entlädt sich das zu sehr großen Teilen an meinen eigenen Kindern – genau an der Stelle, an der ich meine inneren Verletzungen am allerwenigsten abladen möchte? Das treibt mich an. Ich wünsche mir die Beziehung zwischen meinen Kindern und mir von ganzem Herzen anders, als ich es selbst erlebt und erfahren habe.

 

Was ich also über die Folgen und Auswirkungen bei den Töchtern narzisstischer Mütter finde, erschüttert mich zutiefst. Ich kann meinen zunehmenden inneren Aufruhr deutlich wahrnehmen. Ich fühle mich wie an den Beinen nach oben gezogen und durchgeschüttelt. Alles was ich bislang in meinen Therapien und Coachings für mich sortieren und einordnen konnte – alles steht wieder Kopf, ist wieder Chaos. Ich erkenne sehr viele der geschilderten Überzeugungen und Denkmuster – nicht durch meine Arbeit als Coachin von meinen Klient:innen, sondern als MEINE EIGENEN inneren, tief sitzenden Überzeugungen, Denkmuster, Glaubenssätze.

 

Ich stoße bereits relativ zu Beginn meiner Recherche auf ein Interview mit Susan Forward (SZ-Magazin 10/2017), einer amerikanischen Psychologin und Therapeutin († 2020), die viele Jahre insbesondere mit Töchtern narzisstischer Mütter gearbeitet hat. Die Zitate in den folgenden Absätzen sind diesem Interview entnommen, den Link findest du am Ende meines Artikels. Sie bezeichnet die Folgen und Auswirkungen als die „klaffende Mutterwunde“ – der Begriff könnte für mich nicht treffender sein. Denn genauso fühlt es sich für mich an: in mir klafft eine nach wie vor weit offene Mutterwunde. In einem älteren Artikel habe ich darüber bereits geschrieben: „Die MutterWunde“.

 

„Wenn wir nicht richtig bemuttert werden, lässt das in uns eine große Leere zurück.“ Exakt, das kann ich genauso unterschreiben. Diese Leere, die kenne ich so gut. Und es ist oft schier unmöglich, diese zu füllen. Mir hilft mittlerweile meine Arbeit als Coachin sehr dabei, ich erlebe meine Arbeit als zutiefst erfüllend. Das war nicht immer so und es hat sehr lange gedauert, bis ich das für mich gefunden habe. (Über mich und meinen Weg findest du hier mehr.)

 

„[…] man führt eine Kaffeekränzchenbeziehung: Man bricht den Kontakt nicht ganz ab, aber man öffnet sich nicht und zeigt sich nicht verwundbar […]“ Das ist eigentlich ganz genau der Zustand endlich in Worten ausgedrückt, den ich bislang nicht in Worte fassen konnte. In mir spüre ich totale Anspannung, irgendwie "Augen zu und durch". Erst so langsam entdecke ich in der Anspannung die dahinterliegende Angst, schutzlos ausgeliefert zu sein. In der Anspannung liegt der Versuch, mich zu schützen. Und die Anspannung wird riesengroß, wenn ich mit meiner Mutter in direktem Kontakt bin. Meine Antennen sind unterbewusst permanent auf Habachtstellung während ich versuche, möglichst keine Angriffsfläche zu bieten oder eine verletzliche Stelle zu offenbaren. Zu groß ist meine Angst, dass genau diese verletzliche Stelle gegen mich verwendet wird, dass mich ein Dolchstoß in genau diese Verletzung trifft. Und obwohl mein Unterbewusstsein so wachsam ist, passiert es immer wieder. Und jedes Mal fühlt es sich an, wie aus dem Nichts getroffen worden zu sein.

 

Dann stellt die Interviewerin Michaela Haas die Frage, die ich mir auch schon viele Jahre immer und immer wieder mal stelle: Wäre es besser für mich, den Kontakt zu meiner Mutter abzubrechen? „Ich würde sagen, es hängt davon ab, ob die Mutter offen dafür ist, Verantwortung zu übernehmen und eigene Fehler einzugestehen.“ Von Fehlereinsicht und Verantwortungsübernahme habe ich bei meiner Mutter noch nicht viel gesehen. Eher den Wunsch, ich möge mit meinen nun mehr als 40 Lebensjahren das alte Zeug doch mal endlich ruhen lassen. So wie ich manche Reaktionen von ihr verstehe, mache ich viel zu viel so therapeutisches Zeug und auch schon viel zu lange daran rum (irgendwann muss man das ja auch mal abhaken und ruhen lassen können). Zudem liegt das alles ja auch irgendwie an mir und hat mit ihr nicht wirklich so viel zu tun. Und gefühlt habe ich nach wie vor die alleinige Beziehungsverantwortung.

 

Nach diesem Interview mit Susan Forward habe ich mir sofort ihr Buch „Wenn Mütter nicht lieben – Töchter erkennen und überwinden die lebenslangen Folgen“ gekauft. Und war extrem gespannt, was ich dort finde. Eine lange Zugfahrt gab mir die gute Gelegenheit, es in Ruhe zu lesen.

 

Das Buch beginnt mit einem mir sehr fragwürdig erscheinenden Versprechen im Vorwort: „Ich verspreche Ihnen, dass Sie sich nach der Arbeit mit diesem Buch wie ein anderer, unversehrter Mensch fühlen.“ (S. 22) Ok, ich muss also nur dieses Buch lesen und dann bin ich alles los. Das fällt mir sehr schwer zu glauben. Aber mehr erfahren will ich unbedingt.

 

Zunächst geht es um die Enttabuisierung des Themas nicht liebender Mütter, den „Mutter-Mythos“. Damit trifft sie bei mir einen Nerv. Damit habe ich mich auch in verschiedener Hinsicht schon viel beschäftigt, allerdings mehr aus der Perspektive der Mutter und der eigenen Kinder. Sich einzugestehen, dass die eigene Mutter einen nicht liebt, ist unendlich schwer und als Kind schlicht und ergreifend nicht auszuhalten. Es darf einfach nicht sein. Abgesehen davon, dass es teils existentielle Nöte sind, die das kleine und abhängige Kind aus reinem Selbstschutz davon abhalten müssen, das zu glauben. Mindestens genauso schwer ist es aber, sich damit nach außen zu wenden. Denn wir glauben (fast) alle voller Inbrunst daran, dass eine Mutter gar nicht anders kann, als ihr Kind zu lieben. Wir glauben an den natürlichen Mutterinstinkt, ein Muttergen, Mutter = Liebe heißt die Gleichung. (Auch darüber habe ich einen Artikel  geschrieben: „Das natürliche MamaGen?“.) Das ist tief in uns verwurzelt und stimmt auch in vielen Fällen – aber eben nicht in allen, ganz besonders nicht, wenn die eigene Mutterbeziehung bereits (sehr) problematisch war. Susan Forward schreibt auf S. 28 in ihrem Buch: „Der große gemeinsame Nenner bei allen Frauen mit Müttern, die sie nicht lieben, ist die Sehnsucht nach Bestätigung, nach jemandem, der sagt: „Ja, was du erlebt hast, ist wirklich passiert. Ja, deine Gefühle sind berechtigt. Ich verstehe dich.““

 

Aus meiner Erfahrung kann ich das nur bestätigen. Es ist quasi nicht möglich, diesen eklatanten Mangel an mütterlicher Zuwendung und Unterstützung zu beschreiben, ohne ein „so war das bestimmt nicht gemeint“, „sie kann es halt nicht so zeigen“, „das darfst/kannst du nicht sagen, es ist doch schließlich deine Mutter, natürlich liebt sie dich“ oder „reg dich nicht auf, du kannst sie nicht verändern, sie ist nun mal so wie sie ist“ entgegnet zu bekommen. Oder, besonders in Kreisen therapeutisch und spirituell bereits „erleuchteter“ Personen: „Du musst loslassen. Du schadest dir nur selbst. So zerfrisst es dich nur. Du musst ihr verzeihen, dann geht es dir besser.“ Oder, auch sehr schön: „Bestimmt hatte es deine Mutter selbst nicht leicht.“ Ich weiß gar nicht, was mehr weh tut.

 

Es befeuert lediglich mein inneres Gefühl, dass meine Wahrnehmung der Dinge wohl falsch sein muss. Dass ich etwas leisten muss, noch mehr leisten muss, um gut und besser zu sein – denn liebenswert so wie ich bin, bin ich ja nicht, das habe ich schon als Baby gelernt. Und wenn ich nicht verzeihen und loslassen kann, dann bin ich noch nicht weit genug, nicht gut genug, stehe noch nicht drüber. Mein Gefühl schwankt zwischen großer Wut und unermesslicher Trauer. ICH WILL GESEHEN WERDEN!! Ich will in meinem überwältigenden (kindlichen) Schmerz (endlich!!!!) gesehen und verstanden werden. Das hat etwas mit Anerkennung für den unfassbar großen erlittenen Schmerz meines inneren Kindes zu tun. Und ja! Natürlich muss der auch von mir selbst für mich und mein inneres Kind kommen. Aber ich sehne mich schlicht und ergreifend auch so sehr nach dieser Anerkennung und Bestätigung von außen, ganz besonders durch mir nahestehende Menschen! Das Gefühl, ich werde verstanden und eben nicht das Gefühl, ich übertreibe und spinne mir doch nur alles zusammen. Oder noch schlimmer: es gibt eben doch einen guten Grund dafür, dass meine Mutter zu mir war und ist, wie sie ist – und dieser Grund ist in mir zu suchen. Ich bin falsch.

 

Also ziehe ich mich sehr häufig innerlich zurück und erzähle lieber nichts. Ich muss allerdings an dieser Stelle sagen, dass ich über ein paar wirklich tief verbundene Herzensfreundinnen verfüge, die ich in meinem Leben weiß und von denen ich mich sehr verstanden fühle (ihr wisst hoffentlich, wenn ihr das lest, dass ihr gemeint seid). Dafür bin ich extrem dankbar und froh. Meine Aus-, Fort- und Weiterbildungen im Coaching-Bereich haben mir in den letzten Jahren ein großes Netzwerk von vielen einfühlsamen und verständnisvollen Menschen beschert. Auch da gibt es viele sehr wichtige Menschen für mich, bei denen ich mich gesehen und verstanden fühle. Oft war dem nicht so. Auch im psychologisch-therapeutischen Setting wird nicht immer so einfühlend und empathisch reagiert, wie man es eigentlich erwarten können sollte.

 

Die LebensGeschichten der Töchter, von denen ich weiter im Buch lese (oder auch an anderer Stelle), ähneln meiner teilweise nur entfernt. Aber ich finde meine Symptome, meine Gedanken, meine Reaktionen, meiner Muster bei ihnen wieder:

 

      > kein Selbstbewusstsein, kein Selbstvertrauen

Wie auch so viele andere ungeliebten Töchter habe ich quasi kein "echtes" Selbstbewusstsein oder Selbstvertrauen. Natürlich kann ich mich hinter einer selbstbewussten Fassade gut verstecken. "In echt" baue ich es mir mühselig immer wieder auf, aber es steht auf sehr wackeligen Stelzen und ein kleiner Windstoß reicht schon, und es fällt komplett in sich zusammen. Es folgen riesige Selbstzweifel, das Gefühl, es niemals schaffen zu können, zu versagen, einfach nie gut genug zu sein.
Dazu kommt ein sehr harscher "innerer Kritiker", der bereits bei kleinsten Misserfolgen oder Fehltritten sofort große (selbst-)Zweifel hegt und dabei kräftig und unnachgiebig die Angst schürt, irgendjemand könnte entdecken, dass man selbst doch gar nicht so „gut“ sei, wie vielleicht zumindest manchmal leise gehofft. (Das betrifft z.B. sehr häufig meine Einschätzung meiner eigenen Kenntnisse, Fähigkeiten und Leistungen in der Arbeitswelt.)

 

      > (sehr) wenig Vertrauen

Nicht nur das Vertrauen in mich selbst hat extrem gelitten, auch Vertrauen zu anderen Menschen zu entwickeln ist schwer bis teilweise unmöglich. Erinnerst du dich an den Satz, den ich eingangs zitiert habe? Jeder Mensch wird zunächst daraufhin eingeschätzt, wie ich mich verhalten muss, um liebenswert zu sein. Das quasi "künstliche Ich", das ich daraufhin als liebenswertes Abbild meiner Selbst erschaffe, wird auf Dauer unfassbar anstrengend aufrechtzuerhalten. Auch gibt es sehr wenig bis kein Vertrauen in die Verlässlichkeit des Gegenübers (ich gehe quasi von vornherein davon aus, dass eine Beziehung nicht von Dauer sein wird). Daneben (alles unbewusst!) großes Misstrauen und Skepsis, ich kann innerlich nicht entspannen und mich „fallenlassen“ und der Verbindung vertrauen. Das ich das so hier beschreiben kann, liegt an meiner intensiven inneren Entdeckungsreise und was ich in vielen verschiedenen Therapie- und Coaching-Sitzungen für mich aufdecken und erkennen konnte.

 

      > Schwierigkeiten, die eigenen Grenzen zu spüren bzw. zu halten

Grenzen, was ist das noch mal??? Ich habe immer mehr den Eindruck, dass ich meine eigenen Grenzen überhaupt nicht verorten kann. Ich bemerke die Übertritte (wenn überhaupt) erst weit im Nachhinein und dann kann ich sie meist nicht mehr wirklich zuordnen. Erst langsam wird mir bewusst, dass meine große Wut und Aggressivität, die sich leider so häufig bei meinem Mann und vor allem bei meinen eigenen beiden Kindern entlädt, ein Ausdruck meiner zu lange nicht wahrgenommenen bzw. von Teilen von mir ignorierten totalen inneren körperlichen Angespanntheit sind. Es ist, als wäre ich innerlich wie gelähmt, wie eingefroren, wenn ich mit meiner Mutter zusammen bin. Augen zu und durch. Ich spüre sie oft gar nicht, bzw. nehme diese innere Erstarrung nicht bewusst wahr. Sie ist ein völlig normaler Seinszustand für mich. Der Grund dafür ist wohl, so lese ich, dass die Kinder in solch schwierigen Mutter-Beziehungen einerseits sehr um die Liebe und Zuneigung der Mutter kämpfen, während sie andererseits ständig auf der Hut vor ihrer Kritik oder ihrem Zorn sein müssen. Vom Kopf her kann ich das nachvollziehen, vom Gefühl her (noch?) nicht.

 

      > das Wiederholen des bekannten Musters

Bei Susan Forward lese ich zudem, dass Töchter narzisstischer Mütter nicht ihren Vater heiraten (Vater-Komplex), sondern sehr häufig ihre Mütter. Also Partner:innen, die sich ihnen gegenüber sehr ähnlich verhalten, wie es ihre Mütter taten oder noch tun. Dieser Satz hat etwas in mir sehr erschreckt und ich möchte ihn derzeit nicht weiterverfolgen.

Was ich dagegen als Mutter von 2 kleineren Kindern (5 & 7 J.) merke, ist, dass ich sehr häufig mit meinen Kindern agiere, wie ich es von meiner Mutter her kenne. Sei es die Empathielosigkeit, das schon von Kleinigkeiten sofort völlig genervt sein, die übermäßige Wut, die zwischen heiß und rasend zu kaltblütig blitzschnell wechseln kann. Und das allerschlimmste in dieser Wut: es geht um das maximale Verletzen des Gegenübers. Ich erschrecke immer wieder selbst zutiefst und es stürzt mich bei meinen Kindern in furchtbare Selbstzerfleischung und Gewissensbisse. Und obwohl ich das alles schon weiß (Kopf!), gelingt es mir immer noch nicht, diese Wut dahin zu richten, wo sie eigentlich hingehört: auf meine Mutter. Die „brave Tochter“ in mir erlaubt sich das nicht. Im gemeinsamen Familienurlaub vor ein paar Wochen, ist mir (wieder erst im Nachhinein) erst so richtig bewusst geworden, um wieviel kürzer mein Geduldsfaden mit den Kindern in der Nähe meiner Mutter ist. Sie müssen um alles in der Welt funktionieren. Alles andere bedeutet maximalen Stress für mich.

 

Auch finde ich viele Erfahrungsberichte, in denen es innerhalb der Familie große Unterschiede zwischen den Geschwistern gab und gibt. Kira Cossa, Initiatorin von https://www.narzissmus.org/ spricht auf ihrem sehr umfassenden Blog vom „Goldkind“ und vom „Sündenbock“ bzw. „schwarzen Schaf“. Auch das entspricht exakt meiner Erfahrungswelt, so habe ich es Zuhause auch erlebt. Viele Geschwisterbeziehungen entzweien sich darüber gänzlich, sind sehr distanziert und nachhaltig beschädigt. Heute habe ich mit meiner Schwester ein sehr gutes Verhältnis – u.a. auch deswegen, da ich mein Verhältnis zu ihr in meiner ersten Therapie vor mehr als 20 Jahren aufgearbeitet und erkannt habe, dass sie für die unterschiedliche „Behandlung“ von uns beiden nicht die Verantwortung trägt. Das war nicht immer so. Ich erinnere mich an viele ungute Gefühle ihr gegenüber und auch, dass ich sie häufig habe bluten lassen. Möglicherweise ist das auch ein Hinweis darauf, dass meine Mutter mit ihrer Mutter bereits ganz ähnliches erlebt hat. Ihre Mutter hat ihren Bruder offen vorgezogen, die Geschwister haben seit vielen Jahren miteinander keinerlei Kontakt. Vielleicht hat es aber auch ganz andere Ursachen.

 

Die Ausprägungen und Folgen sind für jede dieser Töchter anders. In jedem Fall aber führen solche traumatischen ersten Bindungserfahrungen dazu, dass Töchter nicht-liebender Mütter große bis sehr große Schwierigkeiten haben, gesunde Beziehungen aufzubauen bzw. zu führen, sei es in Partnerschaften oder zu den eigenen Kindern, aber auch im Freundes- oder Kollegenkreis. Ein ausbalanciertes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz fällt extrem schwer. So „müssen“ (sie können nicht anders, solange die Ursache unbewusst bleibt) viele später in ihren Beziehungen sehr klammern oder sie bleiben sehr distanziert und können keine echte Nähe und Verbindung aufbauen. Jegliche Kritik von außen führt zumeist zu sofortigem innerem Rückzug. Manche dieser Töchter meiden Beziehungen sogar ganz. Zu tief sitzt unterbewusst die Angst vor neuerlicher Verletzung. Die Angst, noch einmal könnte sie jemand so verletzen, wie es die Mutter getan hat.

 

Nur: „Diese [klaffende Mutter-]Wunde wird nicht geheilt, solange wir nicht direkt daran arbeiten und die Wut und die Trauer anpacken.“ (Susan Forward im SZ-Interview) Davon bin ich auch zutiefst überzeugt. Anders wird es nicht gehen. Da funktionieren keine Affirmationssätzchen oder ein „eiserner“ Wille.

 

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen: ob meine Mutter eine NPS hat, die meine Beziehung zu ihr zu dem gemacht hat, was sie heute ist, oder nicht, möchte ich nicht weiter beurteilen (und steht mir auch gar nicht zu). Ich weiß auch, dass sie selbst alles andere als eine leichte Kindheit hatte und auch später nicht alles nur leicht für sie war. Die Erwachsene, die Coachin, die mit dem psychologischen Fachwissen, die kann das sehen und auch wirklich verstehen. Aber um diesen Teil von mir geht es hier nicht. Es geht mir um die Versorgung meines inneren Kindes. Das nach wie vor zutiefst erschüttert, fassungslos, verzweifelt und verletzt ist. Und das sich fast nicht traut, seine innere Überzeugung und Wahrheit auszusprechen: meine Mutter liebt mich nicht. Ich unterstelle ihr dabei keine Boshaftigkeit, sondern vermutlich kann sie einfach nicht anders. Sie wacht bestimmt nicht morgens auf und überlegt als erstes, wie sie mir heute so richtig eine mitgeben kann. Trotzdem relativiert es das nicht, wie es mir und damit meinem inneren Kind (bis heute) geht.

 

Diesem inneren Kind gilt meine ganze Aufmerksamkeit. Ich möchte es versorgen („nachbeeltern“) können. Ich möchte ihm sagen: du kannst nichts dafür. Es ist nicht deine Schuld. Es liegt nicht an dir. Du hast nichts falsch gemacht. Du bist nicht zu viel. Du bist deiner Mutter zu viel. Ich möchte es in den Arm nehmen können und ihm sagen: mir bist du nicht zu viel. Du bist genau richtig. Bei mir bist du sicher. Ich werde dich nie alleine lassen. Ich liebe dich. Und das möchte ich aus tiefstem Herzen spüren lernen. Dahin führt mein Weg.

 

Wie es nun weitergeht? I will keep you posted. Danke an jede/n, die/der bis hierher gelesen hat. Danke von Herzen für deine Aufmerksamkeit und deine mir geschenkte Zeit.

 

Es ist schwer, diesen Artikel zu posten. Ich habe ihn vor nunmehr 3 Wochen fertig geschrieben und bin seitdem hin- und hergerissen. Ich möchte hier weder meine Mutter "vorführen" und denunzieren noch sie als Sündenbock präsentieren. Einerseits spüre ich eine nicht ganz greifbare Angst in mir vor möglicherweise kommenden Reaktionen aus meinem Umfeld, von Menschen, die mich und auch meine Familie kennen. Andererseits möchte ich aber erzählen, wie es für mich ist und wie es sich für mich anfühlt. Diesen Text widme ich daher all den Töchtern da draußen, die sich - wie ich - von ihrer Mutter nicht geliebt fühlen, aus welchen Gründen auch immer. I feel you.

 

An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal auf meine MamaMorphose Facebook-Gruppe hinweisen. Vielleicht möchtest du ja gerne dazukommen? Folge einfach diesem > Link. Zusammen sind wir viel weniger allein.

 

Alles Liebe,

deine Kathrin

 

 

P.S.: Sehr gerne würde ich erfahren, wie es dir beim Lesen dieses Textes ging, was dir für Gedanken kamen, was dich zu MamaMorphose geführt hat. Schreib mir gerne in die Kommentare oder auch eine Mail. Ich freue mich sehr, von dir zu lesen.

 

 

 

Quellen:

      www:

      - das ganze Interview „Eine Mutter kann dir ein Essen kochen und trotzdem ein Teufel sein“ mit Susan Forward im SZ-Magazin findest du hier: https://sz-magazin.sueddeutsche.de/frauen/mutter-tochter-beziehung-psychologie-83394

       - sehr viel für mich gefunden habe ich auf diesem tollen, weil so umfangreichen und klar dargestellten Blog: https://www.narzissmus.org/

      Leider scheint der Blog von Kira Cossa zumindest derzeit nicht weiter geführt bzw. mit Content gefüllt zu werden; der letzte Blog-Artikel ist von 2016 und lässt leider das für mich so spannende Thema "Anxiety" unvollständig.

      - Dami Charf: "Narzisstische Mütter" https://traumaheilung.de/narzisstische-muetter/

      Der Kommentar, auf den ich mich eingangs beziehe, ist von Dagmar (14. März 2018), ich habe ihn lediglich ein wenig angepasst.

 

Bücher:

       - Susan Forward: „Wenn Mütter nicht lieben – Töchter erkennen und überwinden die lebenslangen Folgen“; ISBN 978-3-442-17485-0 (bestelle doch bei deinem Buchhändler um die Ecke, nicht bei Amazon)

       - Monika Celik: „Narzissenkinder – Wenn Töchter unter narzisstischen Müttern leiden“; ISBN 978-3-466-34738-4 (bestelle doch bei deinem Buchhändler um die Ecke, nicht bei Amazon)

      - Jasmin Lee Cori: "Wenn die Mutterliebe fehlte - Wie wir das ungeliebte Kind in uns entdecken und heilen"; ISBN 978-3-466-34719-3 (bestelle doch bei deinem Buchhändler um die Ecke, nicht bei Amazon) - dieses Buche setze ich hier einfach nur mit auf die Liste; ich habe es erst nach der Veröffentlichung dieses Textes gekauft, es ist inhaltlich nicht in meinen Artikel miteingegangen

 

 

Manches habe ich bestimmt auch gelesen und mir nicht gemerkt bzw. notiert, wo das im Einzelnen war. Da mich auch die NPS nicht im Sinne einer ICD-10 Kategorisierung interessiert hat, waren es nicht vorrangig Fachquellen, sondern mir ging es mehr um persönliche Erfahrungswerte und -berichte. Bitte sieh mir daher das lückenhafte Quellenverzeichnis nach.

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Kommentare: 1
  • #1

    Jana (Dienstag, 14 September 2021 21:46)

    Danke für soviel Ehrlichkeit und Offenheit. Ich habe mich lange nicht mehr so verstanden gefühlt wie heute und endlich hat mein Kummer einen Namen.